Amnesty International Gruppe Nürnberg (1494)

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Gruppe Nürnberg (1494)

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Die Nürnberger Amnesty Gruppe 1494 wurde schon vor mehr als 40 Jahren, am 23.Januar 1976 gegründet, 15 Jahre nachdem Peter Benenson Amnesty International in London ins Leben gerufen hatte.

Die Gruppe bestand zunächst aus sechs Mitgliedern, von denen eines auch heute noch bei der Gruppe ist:

Frank Wimmer schilderte aus persönlicher Sicht die Gruppengründung vor nunmehr 42 Jahren und die bewegenden begleitenden Ereignisse:

ai 1494 Gruppengründung

Der Beschluss zur Gründung unserer Amnesty-Gruppe 1494 (formell am 23. Januar 1976) erfolgte unter damaligen wiss. Mitarbeitern am Lehrstuhl für BWL/Marketing an der WiSo-Fakultät der Uni Erlangen-Nürnberg in Nürnberg. Damals stieß Peter Barrenstein aus Köln als weiterer Mitarbeiter hinzu und entfachte bei aufgeschlossenen Kollegen wie Werner Eckert und mir das Interesse für ein Engagement bei ai. Gründungsmitglieder – ich bin sicher, dies so kundtun zu dürfen – waren neben uns dann Frau und Schwester von W. Eckert sowie ein weiterer Freund von mir. Gruppensitzungen mit Planung entsprechender Aktivitäten fanden am Lehrstuhl in der Langen Gasse in Nürnberg statt. Wenn ich mich recht erinnere, waren zunächst P. Barrenstein und später auch ich einmal Gruppensprecher.

Peter Barrenstein (heute Dr.) war dann in den 70er oder anfangs der 80er Jahre sogar einmal Mitglied des ai-Bundesvorstands. Er ist heute in der evangelischen Kirche, der Berliner Stadtmission und in verschiedenen privatwirtschaftlichen Gremien ehrenamtlich tätig. Er und Eckerts unterstützen uns als Förderer bis heute fallweise oder regelmäßig kräftig finanziell.

Ein besonderes Ereignis für uns (und ich glaube die damals einzige andere Nürnberger Gruppe 1203) war 1979 die ai-Beteiligung am Ev. Kirchentag in Nürnberg. Dabei lag für ai damals ein Schwerpunkt auf der Situation der Gefangenen und Gefolterten in den südamerikanischen Diktaturen, insb. Nikaragua, Argentinien, Chile. Es gab am 16. Juni (Samstag) eine große Gottesdienstveranstaltung in der Gustav-Adolf-Kirche unter dem Motto „Den Gefangenen die Freiheit!“ unter Mitwirkung von Ernesto Cardenal (der dann leider doch nicht kommen konnte), Prof. Dr. Ernst Käsemann, ev. Pfarrer und später Prof. an der Uni Mainz, bekannt als engagierter Nazigegner. Dessen Tochter Elisabeth wurde damals in Argentinien von der Militärjunta noch gefangen gehalten – siehe nachfolgenden

Ausschnitt aus Wikipedia:

Käsemanns Tochter Elisabeth Käsemann leistete in den 1970er Jahren Sozialarbeit in mehreren südamerikanischen Ländern. Sie wurde während der Militärdiktatur in Argentinien Anfang März 1977 durch die Militärjunta entführt, in einem konzentrationslagerähnlichen Geheimgefängnis zweieinhalb Monate dauerhaft und schwerstens gefoltert, zigfach vergewaltigt und schließlich am 24. Mai 1977 mit 15 anderen Opfern durch die Militärjunta mit Schüssen aus nächster Nähe ermordet.

Käsemann wurde durch die Ignoranz deutscher Behörden, die nichts unternahmen, um Haft, Folter und Tod seiner Tochter zu beenden bzw. zu verhindern, in seiner Haltung zur Bundesrepublik schwer erschüttert. Hierzu trug insbesondere das damals von Hans-Dietrich Genscher geleitete Auswärtige Amt bei, welches von Ernst Käsemann selbst und anderen Mitgliedern der evangelischen Kirche mehrfach direkt und mit konkreten Anliegen um Hilfe gebeten wurde, und dessen Behördenchef Genscher den ganzen Fall angeblich einzig mit dem laut einem Zeugen gefallenen Satz „Ach, das Mädchen Käsemann“ abtat. Aufgrund der Zeugenaussage einer britischen Freundin von Käsemanns Tochter, die auch kurzzeitig in Haft war und die beginnende Folter Elisabeth Käsemanns in einem Nebenraum mit anhören musste, aber nach Intervention der britischen Regierung nach New York fliehen konnte, war aber allen Beteiligten Schicksal und Aufenthaltsort von Elisabeth Käsemann frühzeitig bekannt.

Das und nicht nur dieser Fall hat damals uns alle extrem bewegt! Verbunden mit dem rappelvollen Gottesdienst war ein Abendmahl vorgesehen, für das wir (und dabei ich) die Aufgabe hatten, anstatt Opladen Weißbrot zu besorgen, für nicht abschätzbare 100 bis 400 Teilnehmer! In meinem Heimatort Rückersdorf gab und gibt es einen im Kirchenvorstand aktiven Bäcker, den ich fragte, ob er das Brot für uns backen und liefern würde. Seine nachdenkliche Antwort: „Wer tritt da auf? Cardenal, Käsemann? Das sind doch Linke, die die Theologie der Befreiung vertreten. Für die back ´ich kein Brot!“ Wir haben es dann vom Beck bekommen. So war das damals: Nicht nur seitens der etablierten Politik hatte man für die Opfer der südamerikanischen Militärjuntas wenig Sympathie, eher, wie F. J. Strauß, Verständnis für die Regime. Auch innerhalb der Kirchen war die sog. Befreiungstheologie (siehe Wikipedia!) sehr umstritten.

1980 konnten wir dann Helmut Frenz, den damaligen Generalsekretär von ai, zu einem Besuch in Nürnberg und einem ebenfalls viel besuchten öffentlichen Vortrag im Bildungszentrum gewinnen.

Natürlich haben wir uns mit wechselnden Besetzungen immer auch für Gefangenen, Gefolterte, gegen die Todesstrafe, usw. eingesetzt. Die Gruppenarbeit war damals von urgent actions und Länderkampagnen geprägt. Dazu kam die „Adoption“ von 3 politischen Gefangenen pro Gruppe (je 1 aus dem Westen, aus dem Ostblock und aus der Dritten Welt). Wir betreuten u.a. einen protestantischen Pfarrer in der Volksrepublik China, ein Mitglied der bekannten (und politisch in der CSSR unter Husak ungeliebten) oppositionellen Pop-Gruppe Plastic People sowie unschuldig Verfolgte in Indonesien und im Niger. Unsere zahlreichen und wiederholten Briefe an Staats- und Regierungschefs, Innen- und Außenminister mögen dazu beigetragen haben, dass sich das Schicksal unserer Gefangenen verbesserte und sie früher oder später aus der Haft entlassen wurden.

Juni 2016, Frank (Wimmer, Kassenwart ai 1494)